|
GEOMETRIE UND SICHTWEISE (Fortsetzung) Ich stelle meine Bilder nicht her, indem ich geometrische Formen von einem „Blickpunkt“ aus gestalte. Ich drücke mit meinen Bildern vielmehr die überwältigende Kraft der Wirklichkeit an sich aus, die in erster Linie kugelförmig aufgebaut ist. Die Kugel ist die Form der immer schon existierenden allumfassenden Einheit, bevor irgendetwas in Erscheinung tritt. Wenn ich daher Bilder auf einer ebenen Fläche herstelle, werde ich nicht von dem Impuls getrieben, die Dreidimensionalität nachzuahmen. Es geht mir vielmehr darum, die Natur der Wirklichkeit an sich auf einer Fläche darzustellen (oder sichtbar zu machen), so wie sie immer schon vor aller „Sichtweise“ oder vor dem Ego ist. Ich entwickle nicht nur einfach eine bestimmte Ästhetik oder ein Programm, das zeigt, wie man Bilder aus bestimmten Formen zusammensetzen kann. Ich habe überhaupt nichts mit „Blickpunkt“ oder „Sichtweise“ zu tun. Ich arbeite stattdessen daran, durch künstlerische (oder auch sprachliche) Mittel die Natur der Wirklichkeit an sich so zu zeigen, wie sie ist und wie ich sie immer schon sehe. Ich versuche nicht bloß, paradoxe Bilder zu produzieren, sondern zeige, wie die Welt in Wirklichkeit ist, und wie sie sich so, wie sie wirklich ist, sogar den Menschen zeigen kann, die ansonsten alles von einem bestimmten „Blickpunkt“ aus sehen und daran gewöhnt sind, Bilder zu betrachten, die nach konventionellen, im Laufe der Geschichte festgelegten Prinzipien hergestellt sind – wie etwa den Regeln der Perspektive, die in der Renaissance aufkamen. Die Nachahmung der realen Welt mithilfe der Perspektive begann im 15. Jahrhundert und wurde dann zur akademischen Konvention der Bildgestaltung. Einer der Aspekte der Moderne, der diese Situation änderte, war der Verzicht auf die Perspektive, wie im Falle von Cézanne oder von Kubisten wie Picasso und Braque, die damit anfingen, ihre Bilder von vielen verschiedenen „Blickpunkten“ aus aufzubauen. Aber das ist auch immer noch Bildgestaltung auf der Grundlage eines „Blickpunkts“, einer „Sichtweise“, einer Perspektive, wenn auch in paradoxer Weise. Es ist nicht das, was ich tue. Dies ist einer der Gründe, warum ich zur zweidimensionalen Ebene tendiere. Ich versuche nicht, die dreidimensionale Wirklichkeit nachzuahmen. Cézanne spricht in seiner Bemerkung immer noch über drei-dimensionale Formen – Zylinder, Kegel und Kugeln. Er spricht nicht von Kreisen, Dreiecken und Quadraten – also von flachen geometrischen Formen. Er denkt noch in räumlichen Begriffen, arbeitet noch mit der Vorstellung vom Volumen, sieht Formen noch im Rahmen des konventionellen Realismus, der traditionellen Bildgestaltung, die auf „Sichtweise“, auf Perspektive beruht. Ich stelle nicht wirklich Bilder her. Die Position, die ich einnehme, ist nicht die der bloßen Bildherstellung als Selbstzweck. Die Grundlage, auf der ich überhaupt Bilder produziere, ist vielmehr dieselbe wie die, von der aus ich spreche und auf der ich lebe und insgesamt tätig bin. Diese Grundlage geht immer schon aller „Sichtweise“ voraus, sie ist immer schon ohne jegliche „Sichtweise“. Wahrnehmung auf der Grundlage einer „Sichtweise“ ist ein Teil des konventionellen Alltagsbewusstseins. Andererseits versuche ich aber auch nicht einfach Bilder zu machen, die in Bezug auf die „Sichtweise“ paradox sind. Ich mache vielmehr Bilder, die aller „Sichtweise“ immer schon vorausgehen. Meine Bilder beruhen daher nicht lediglich auf vielfachen „Sichtweisen“ und der Auflösung der Perspektive, sondern sie entstehen vor aller „Sichtweise“, vor den Konventionen der traditionellen perspektivischen Bildgestaltung und ihren akademischen Regeln. Ich gehe über all diese Konventionen hinaus. Da die Benutzung der Kamera (die eine “Perspektive-Maschine” ist) unausweichlich Bilder auf einer gewissen Grundlage erzeugt, musste ich jahrelang mit der Kamera arbeiten, um ihre „Sichtweise“ zu überwinden. Um dies zu erreichen, habe ich in der Zeit, als ich mit fotografischen Filmen arbeitete, die Mehrfachbelichtung benutzt. Jetzt arbeite ich mit Digitalkameras und verwende die Mehrfachbelichtung nicht mehr, obwohl es weiterhin möglich wäre. Tatsächlich fotografiere ich inzwischen nicht mehr so wie früher. Wenn ich Bilder mache, dann nur noch Einzelbilder. In letzter Zeit habe ich sie aber nicht mehr in meine Bilder integriert (obwohl ich das später sicher wieder tun werde), sondern lasse mich von einem Tag auf den anderen von ihnen inspirieren. Sie sind so etwas wie meine Skizzen. Ich bringe sie mit ins Atelier, arbeite weiter mit ihnen, indem ich mich von ihnen berühren und dadurch neue Bilder entstehen lasse, anstatt die Fotografien direkt in Bilder einzubauen. Ich denke, ich werde sie auch weiterhin auf verschiedene Weise in die Bilder einbeziehen, aber immer als ein Mittel, um über diese „Perspektive-Maschine“ hinauszugehen. Der Körper ist ebenfalls eine “Perspektive-Maschine“. Er ist eine Ego-Maschine, aber in dieser Weise will ich den Körper nicht benutzen. Ich benutze ihn nicht als Instrument konventioneller Wahrnehmung und Kommunikation, sondern gehe über ihn hinaus. Der Körper kann ein Mittel sein, um für andere, die ebenfalls mit einem Körper verbunden sind, Bilder herzustellen, die sie betrachten können – um sie optimaler Weise nicht nur anzuschauen, sondern wirklich an ihnen teilzunehmen. Ich manifestiere mit meinen Bildern die sich selbst ordnende Kraft der Wirklichkeit im Rahmen von Wahrnehmung und Kommunikation. Cézanne und die Impressionisten benutzten typischerweise kleine, kurze Pinselstriche. Meine sogenannten „Pinselstriche“ sind sehr, sehr klein. Sie sind Bytes und Pixel – mehr darauf ausgerichtet, wie das Gehirn unsere optische Sicht erzeugt. Aber mein Interesse an der digitalen Arbeitsweise ist keine bloße Frage der Technik. Damit will ich eigentlich gar nicht viel zu tun haben. Ich will einfach nur (wie bei der Kamera) ihre visuellen Möglichkeiten nutzen, ohne dabei von der Maschinerie, den Bedienungsschritten, der Einseitigkeit und den ganzen mentalen Überlegungen aufgesogen zu werden. Ich verwende sie ausschließlich für den visuellen Prozess, ohne in die Position zu geraten, in der ich alles nur noch als einen Ausdruck von Technik sehe. Davon halte ich mich lieber fern, genauso wie ich mich nicht allzu sehr in die Kamera-Technik oder dergleichen vertiefen will. Ich gehe immer darüber hinaus, stehe immer in der Position, die all dem immer schon vorausgeht, und bin frei von aller Unterordnung unter solche Dinge. Wenn ich arbeite, begeistere ich mich also niemals an den technischen Möglichkeiten. Mein Interesse gilt ausschließlich den visuellen Phänomenen, sodass ich mit den grundlegenden Elementen des Bild-Prozesses oder der Wahrnehmung verbunden bleibe, aber nicht (durch die Kamera oder die Digital-Technik) zu einem „Technik-Freak“ werde. Auf diese Weise kann ich mich voll und ganz in den Wahrnehmungsprozess und in die Herstellung von Bildern vertiefen, die die Eigenschaften der Wirklichkeit an sich manifestieren. (Bislang unveröffentlichter Kommentar) Copyright © 2007 ASA. Alle Rechte vorbehalten. Permanentes Copyright beantragt. < vorherige Seite - 1 - 2
|
|||
AUSSTELLUNG |
||||
